Sind deine Kinder eigentlich nie motzig? Wie dein Verhalten das Verhalten deines Kindes beeinflusst.

„Sind deine Kinder eigentlich nie motzig?“, fragte mich am Freitag eine andere Mutter beim Schwimmkurs. „Doch, natürlich haben sie auch mal schlechte Laune.“, war meine schnelle Antwort. Die Frage beschäftigte mich aber noch länger. Warum hinterlassen unsere Kinder vor anderen einen so ausgeglichenen, ruhigen, lieben, freundlichen Eindruck – und sind dies auch tatsächlich meistens? Der Versuch einer Antwort…

 

 

 

Ihr Temperament und unser Vorbild

Sicherlich hat es zum Einen mit dem Temperament unserer Kinder zu tun, dass diese eher ruhig, ausgeglichen, lieb und freundlich sind und selten „motzig“. Auch unser Temperament als Eltern und unsere Art zu leben, unser Vorbild, beeinflusst das Verhalten unserer Kinder. Denn auch wir sind eher ruhig, freundlich, geduldig, ausgeglichen, emphatisch, zugewandt. Unsere Kinder wachsen in einer ruhigen, geborgenen Umgebung auf. Sie erleben, wie wir mit Angst, Trauer, Schmerz und Streit umgehen, schauen es sich ab und übernehmen es teilweise für sich. Neben den Temperamenten unserer Kinder spielt also auch unser Vorleben, unser Umgang mit ihnen eine große Rolle für ihr Verhalten und dafür, dass sie selten „motzig“ reagieren (müssen).

 

 

Was bedeutet motzig?

Was meint die andere Mutter überhaupt mit „motzig“? Ich kam zu dem Schluss, dass sie damit „trotzig“ oder „bockig“ oder „dickköpfig“ meint. Worte, die so in unserer Familie nicht vorkommen. Ich würde nie sagen, dass mein Kind motzig, trotzig oder bockig ist. „Du bist aber motzig heute!“ oder „Du hast aber heute wieder einen Dickkopf!“ käme mir nie über die Lippen. Ich nehme meine Kinder ernst und respektiere sie. Dazu gehört es auch, sie nicht mit solchen Aussagen zu beschimpfen und zu bewerten.

 

 

 

Wir nehmen unsere Kinder ernst und achten ihre Bedürfnisse

Wenn Kinder „motzig“ sind hat das einen Grund. Meist haben sie dann Bedürfnisse oder Wünsche, die nicht erfüllt wurden. Es gilt feinfühlig darauf einzugehen, Bedürfnisse zu erkennen, Wünsche wahrzunehmen und diese, wenn möglich, zu erfüllen. Wenn nicht möglich, die Wut, den Schmerz des Kindes anzunehmen und liebevoll zu begleiten. Nicht mit abwertenden Worten oder Beschimpfungen, sondern mit viel Liebe und Nähe, wenn das Kind dies zulässt und mit emphatisch begleitenden Worten wie: „Ich verstehe, dass du wütend bist. Du wolltest…, aber das geht im Moment nicht. Ich bin bei dir.“

 

 

 

Wir sagen oft „ja“ – Kooperation funktioniert nur, wenn sie beidseitig gelebt wird

Wann immer möglich, versuchen wir jedoch die Bedürfnisse (und auch die Wünsche) unserer Kinder zu erfüllen. Wir versuchen oft „ja“ zu sagen, ihnen entgegenzukommen oder aber im Gespräch mit ihnen Kompromisse zu finden. Viel zu häufig beobachte ich bei anderen Eltern, dass sie zu ihren Kindern „nein“ sagen, andererseits aber erwarten, dass diese prompt und ohne „nein“ auf die Wünsche der Eltern reagieren.

Erst heute erlebte ich auf dem Spielplatz folgende Szene: Ein Kind spielte im Sandkasten, die Eltern saßen daneben auf der Bank. Das Kind bat die Mutter mit ihm eine Sandburg zu bauen, die Mutter sagte „nein“, das Kind bat noch einmal, doch die Mutter verneinte wieder. Kurz spielte das Kind weiter im Sandkasten, ging dann zu seinem Vater und bat ihn, mit ihm zur Rutsche zu gehen, um es unten aufzufangen. Der Vater verneinte, das Kind bettelte, der Vater blieb bei seinem „nein“, woraufhin das Kind wieder im Sandkasten spielen ging. Das Kind wurde mehrfach zurückgewiesen, seine Wünsche wiederholt verneint, dennoch spielte es ohne zu „motzen“ weiter. Einige Zeit später wollten die Eltern den Spielplatz verlassen und sagten unvermittelt und ohne es vorher anzukündigen zum Kind: „Wir wollen gehen. Leg den Stock weg und komm.“ Sie erwarteten eine prompte Erfüllung ihrer Aufforderung, doch nun sagte das Kind „nein“. Leider endete die Szene unschön, da die Mutter nun zum Kind ging, ihm den Stock wegnahm, es an der Hand aus dem Sandkasten zog und zum Vater sagte: „Siehst du, wie bockig sie heute wieder ist. So ist es immer.“ Hier wurden viele Grenzen des Kindes übergangen und seelische Narben hinterlassen.

Wir sind Vorbilder für unsere Kinder. Kooperation funktioniert nur, wenn sie beidseitig gelebt wird. Wenn die Eltern bereit sind, Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kinder zu erfüllen, beispielsweise mit ihnen eine Sandburg zu bauen oder rutschen zu gehen, auch wenn sie sich lieber auf der Bank sonnen würden, wenn sie selbst einlenken und kooperieren können, dann können es (meist) auch die Kinder, dann sind auch die Kinder bereit einzulenken und zu kooperieren.

 

 

 

Über allem steht die bedingungslose Liebe

Wir drohen nicht, wir strafen nicht, wir belohnen nicht, wir verletzen nicht mit Worten oder Taten, wir erziehen nicht im herkömmlichen Sinn. Uns ist die Bindung und Beziehung zu unseren Kindern wichtig. Wir nehmen sie als gleichwertige Menschen wahr. Sie dürfen sie selbst sein. Wir lieben sie bedingungslos und sie fühlen sich bedingungslos geliebt (hoffentlich! 🙂❤️). Wir sind eine Familie, eine Einheit. Wir müssen keinen Machtkampf führen, da es hier keinen Mächtigen gibt.

Unsere Kinder spüren, dass sie geachtet und respektiert werden, dass ihre Bedürfnisse und Wünsche wichtig sind, dass wir Kompromisse finden und Kooperationen eingehen können. Sie „müssen“ nicht „motzig“ sein, weil ihre Grenzen überschritten, weil sie nicht wahr- und ernst genommen wurden.

Und wenn sie doch einmal „motzig“ sind, dann liegt es meist daran, dass auch wir vielleicht einmal „motzig“ waren, sie unser Verhalten spiegeln oder das bestimmte Wünsche doch nicht erfüllt werden konnten. Doch auch das gehört zum Leben dazu, hat seine Berechtigung, ist richtig und wichtig und kann die Beziehung stärken, wenn angemessen emphatisch reagiert und begleitet wird.

 

 

 

Pinterest

Kategorien: Erleben, Familienleben

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.