Bedürfnisorientierung in schwierigen Situationen

Heute früh las ich einen Artikel mit dem Titel Warum stört es dich, wenn dein Kind dich schlägt? und auch einige der Leserkommentare. Den ganzen Tag musste ich über diesen Artikel, dem ich von Herzen zustimme, und besonders über die teilweise sehr erschreckenden Kommentare nachdenken, so dass ich nun meine Gedanken niederschreiben möchte.

 

 

 

Bedürfnisorientierung in schwierigen Situationen – oder nur wenn das Kind „lieb“ ist?

Der Artikel polarisiert. Der Artikel erzeugt Unverständnis. Der Artikel erhielt Kommentare wie „Bedürfnisorientierung ja, aber bei Wut ist Schluss.“ Bei solchen Kommentaren dachte ich nur: Wie bitte? Bedürfnisorientierung nur, wenn mein Kind „lieb“ und „brav“ ist (was auch immer das bedeutet)? Wenn mein Kind das tut, was ich von ihm erwarte, dann kann auch ich ihm entgegenkommen, seine Bedürfnisse wahrnehmen und darauf eingehen? Und wenn mein Kind sich anders verhält, als ich es mir wünsche oder erwarte, es nicht „lieb“ ist, dann falle ich zurück in alte Erziehungsmuster und reagiere mit Gewalt, Wut und Konsequenzen? Welch verquere Sicht auf Bedürfnisorientierung ist das?

Gerade in schwierigen Momenten ist Bedürfnisorientierung so wichtig! In Momenten, in denen mein Kind emotional nicht anders kann, in denen es wütend oder traurig ist, in denen es seine Gefühle nicht unterdrücken kann, sondern herauslassen muss. In Momenten, in denen es tobt, schreit, schlägt, weint. Gerade dann muss ich mein Kind wahrnehmen, mich hineinfühlen, mich ihm emphatisch und liebevoll zuwenden und es begleiten. Ihm zeigen, dass seine Gefühle gut und wichtig sind und ihre Berechtigung haben. Ihm zeigen, dass ich immer für es da bin, wir immer eine gemeinsame Lösung finden können.

Denn natürlich gibt es auch in unserem Familienalltag schwierige Situationen. Welche das sind und wie ich damit umgehe?

 

 

 

Bedürfnisorientierung in schwierigen Situationen – So gehen wir damit um

Als ich heute über den Artikel und seine Kommentare nachdachte, dachte ich auch an Situationen in unserem Familienleben, die ich als schwierig, als anstrengend empfinde, die mich sogar wütend machen. Die folgenden Situationen treffen mich im tiefsten Inneren, dennoch ist ein bedürfnisorientierter Weg möglich (und nötig!).

 

Wenn meine Töchter sich „absichtlich“ streiten oder stänkern

Unsere zwei ältesten Zaubertöchter können stundenlang wunderbar harmonisch miteinander spielen. Sie können teilen, Kompromisse schließen und sich einigen. Das macht mich sehr, sehr glücklich. Da wird mir warm ums Herz, da fühle ich mich fröhlich und leicht. Doch genau so gibt es immer wieder Phasen, in denen sie sich gegenseitig ärgern oder stänkern. Da nimmt die Große der Mittleren die Puppe weg, die diese kurz zur Seite gelegt hat, obwohl sie genau weiß, dass sie gerne damit weiterspielen möchte. Da rennt sie mit der Puppe weg, versteckt sie oder wirft sie hinters Sofa, nur um die Mittlere zu ärgern. Da legt die Mittlere die Buntstifte der Großen „falsch“ ins Fach zurück, weil sie weiß, dass diese sich darüber ärgern wird. Da sagt die Große gemeine Dinge zur Mittleren, obwohl sie genau weiß, dass diese darüber sehr traurig wird. Da schreien und beschimpfen sie sich gegenseitig. Solche Situationen machen mich nicht nur sehr traurig, sondern sogar unglaublich wütend. Ich muss regelmäßig tief durchatmen, um meine Wut zurückzuhalten und angemessen, bedürfnisorientiert auf diese Situationen zu reagieren. Denn was würde es bringen, wenn ich wütend dazwischen gehe, schimpfe und verurteile? Ich würde die Situation noch verschärfen, ich würde vielleicht ungerecht urteilen, ich würde ihre Gefühle und Beweggründe übergehen. Oft hilft ein kurzer Augenkontakt und ein kleines Lächeln. Oft hilft es, dem „Ärgernden“ besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Oft hilft es, beide in den Arm zu nehmen, zu küssen und zu streicheln. Und dann, wenn die Wogen sich geglättet haben, die Emotionen sich beruhigt haben, gemeinsam über das Erlebte zu sprechen. Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand dir etwas wegnimmt, dir gemeine Sachen sagt? Wie konnte es dazu kommen? Was wünscht du dir?

 

 

Wenn meine Töchter „absichtlich“ trödeln

Normalerweise plane ich genug Zeit ein, so dass ich selten den Satz: „Wir müssen uns beeilen.“ sagen muss. Doch ab und an kommt es doch vor, dass wir uns beeilen müssen. Sei es, weil wir doch noch ein weiteres Spiel gespielt haben, doch noch einmal alle auf Toilette mussten oder oder… Und wenn dann meine Töchter „absichtlich“ trödeln, sich beispielsweise nicht anziehen, obwohl ich sie darum gebeten habe und sie wissen, dass wir es eilig haben, dann werde ich ungeduldig, ja manchmal sogar zornig. Doch auch dieses „absichtliche“ Trödeln hat Gründe – bei meinen Töchtern beispielsweise, dass sie keinen Druck mögen oder dass ihnen das Kommenden unangenehm ist und sie sich am liebsten davor drücken wollen (Arzttermin zum Beispiel). Da gilt es einfühlsam die Gründe herauszufinden und angemessen darauf zu reagieren. Nähe und Liebe zu geben anstatt zu schimpfen.  Ihnen beim Aus- und Anziehen zu helfen, ihnen nebenbei Küsschen zu geben, sie beim Zähne putzen auf den Arm zu nehmen, sie liebevoll im Unangenehmen zu begleiten.

 

 

Wenn meine Töchter schlagen

Ja, auch meine Töchter schlagen manchmal. Zwar nicht mich, aber sich gegenseitig. Dann, wenn sie sehr wütend sind, wenn sie sich nicht anders zu helfen wissen, wenn sie emotional gefangen sind. Und natürlich ist Gewalt nie eine Lösung und natürlich ist schlagen nie gut und richtig und natürlich macht mich das sehr traurig und wütend. Doch ist es in diesen Fällen tatsächlich Gewalt? Ein absichtliches Schlagen? Für mich ist es einfach nur ein Ausdruck ihrer Hilflosigkeit. Ich sehe, dass sie in diesen Momenten emotional nicht anders reagieren können. Ich schütze das Opfer und bin für den Täter da. Und später, in ruhigeren Momenten suchen wir gemeinsam den Auslöser der Wut und nach möglichen Handlungsalternativen – schlagen auf ein Kissen, fest auf den Boden stampfen, einmal laut brüllen,…

 

 

Wenn meine Töchter „wild“ und „ungestüm“ sind

Wenn meine große Tochter mittags aus dem Kindergarten kam, verhielt sie sich oft laut, wild, frech und ungestüm. Sie verhielt sich so ganz anders als sie sich normalerweise verhält. Manchmal schrie sie Schimpfwörter, manchmal sagte sie gemeine Dinge zu ihren Schwestern, brachte diese zum Weinen, manchmal rannte, sprang und tobte sie herum, trat gegen Dinge oder warf Sachen herum. Sie war wie ausgewechselt, nicht wiederzukennen. Oft war es schwierig für mich, dass auszuhalten. Oft hätte ich gerne geschimpft, am liebsten auch geschrien und getobt. Doch ich fühlte mich ein, ergründete die Ursache ihres Verhaltens und hielt es aus (natürlich schützte ich ihre Schwestern). Denn im Kindergarten war es ihr oft zu laut, zu wild, zu chaotisch. Sie sah und hörte dort Dinge, verhielt sich jedoch selbst ruhig und angepasst. Und mittags zu Hause dann musste sie ihre angestauten Emotionen herauslassen, Dinge ausprobieren, die sie im Kindergarten nur beobachtet hatte. Ich ließ sie gewähren, sich austoben, ich nahm sie in die Arme, wenn sie es zuließ, wortlos, streichelte und drückte sie. Und wenn sie mochte, konnte sie mir später erzählen, was sie gesehen und erlebt hatte, was ihr zu laut und zu chaotisch gewesen war und überlegen, wie sie vielleicht besser damit umgehen könnte.

 

 

Wenn meine Töchter abends „aufdrehen“

Ich bin Vollzeitmama. Ich betreue meine Kinder selbst, rund um die Uhr. Und abends, nach einem zwar schönen und erfüllten, aber auch teilweise anstrengenden Tag, bin ich oft kaputt und müde. Abends vor dem Schlafen gehen habe ich es gerne ruhig und harmonisch. Aber es gab eine Phase, da drehten die zwei ältesten Zaubertöchter abends noch einmal richtig auf. Wir haben ein Zimmer, in dem sich die Kleiderschränke der Kinder und der Wickeltisch befinden. Dort gehen wir nach dem Abendessen hin und ziehen uns für die Nacht um. Als die kleinste Zaubertochter geboren war, machte ich sie abends auf dem Wickeltisch bettfertig. Mein Mann machte daneben die kleine Zaubertochter ebenfalls auf dem Wickeltisch bettfertig. Von der mittleren und großen Zaubertochter wünschten wir uns, dass sie sich selber in dieser Zeit umzogen. Doch sie rannten, sprangen und tanzten, spielten fangen oder kämpften stattdessen. Das war mir abends zu viel und zu laut. Ich hätte sie schimpfen und tadeln können und oft war mir danach zumute. Doch ich blieb aufmerksam, horchte feinfühlig hinein und erkannte, dass sie mit ihrem Verhalten unsere Aufmerksamkeit suchten. Seitdem kümmert sich mein Mann um die zwei Kleinen auf dem Wickeltisch und ich kümmere mich um die zwei Großen.

 

 

Alles kindliche Verhalten hat einen Sinn. Diesen gilt es zu ergründen und zu erkennen, um angemessen bedürfnisorientiert darauf reagieren zu können. Bedürfnisorientierung hört bei schwierigen Situationen nicht auf – sie beginnt da erst! Wahre Bedürfnisorientierung zeigt sich in schwierigen Situationen!

 

 

Welche schwierigen Situationen gibt es in eurem Familienalltag?

Wie geht ihr bedürfnisorientiert damit um?

Kategorien: Erleben, Familienleben

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